Das Jahr neigt sich dem Ende und damit rückt auch Silvester näher – und das bedeutet für viele Pferde Stress, welcher oftmals auch im Nachhinein Probleme mit sich bringt. Vor Silvester erhalte ich viele Anfragen, ob ich denn nicht eine bestimmte Kräutermischung für den Jahreswechsel in petto hätte. Nein, denn tatsächlich reagieren Pferde ganz unterschiedlich auf diesen Stress, daher macht auch hier eine individuelle Kräutergabe mehr Sinn. Ich möchte in dieser Podcastfolge anhand zweier Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Pferde auf den Silversterstress reagieren und mit welchen Kräutern sie dabei unterstützen kann.

Silvester ist eine Ausnahmesituation

Pferde sind in diesem Moment Gefangene des Augenblicks und ihrer eigenen Angst. Sie neigen als Fluchttiere automatisch zu Panik, wenn die Möglichkeit zur Flucht nicht gegeben ist. Dem Menschen bleibt dann meist nichts anderes übrig als hilflos zuzusehen und zu hoffen, dass sich das geliebte Pferd nicht verletzt oder anderweitige langfristige Schäden, oft auch auf emotionaler Ebene, davonträgt. Leider kommt die Bedrohung in Form von Lärm an Silvester von überall her und Pferde haben nur sehr limitierte Möglichkeiten Schutz zu suchen.

Wie wirkt sich akuter Silvesterstress auf den Pferdekörper aus?

Die Stressreaktion geht beim Pferd in erster Linie vom Stammhirn, dem ursprünglichen, alten Bereich des Pferdegehirns aus, welcher bei einem Stressreiz in der Lage ist mit einer sofortigen und effektiven Kurzschlussreaktion zu antworten. Dieser Vorgang dient dazu, den Körper situationsabhängig entweder zur Flucht- oder Kampf-Reaktion zu mobilisieren.

Beide Reaktionen fordern alle verfügbaren Energien des Körpers ein. Der Herzschlag wird intensiviert, die Durchblutung gesteigert, die Sinne geschärft und auch der Blutzuckerspiegel steigt sofort an. Der Pferdekörper wird schmerzunempfindlich und ist zu körperlichen Höchstleistungen bereit.

Das Pferd befindet sich in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit und nun reagiert das sympathische Nervensystem:

Hormonsystem → Catecholamine wie Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin steigen

Verdauung → Darmperistaltik wird herabgesetzt, Enddarm entleert sich

Herz / Kreislauf → Puls steigt, Pupillen erweitern sich

Atemwege → Bronchien weiten sich

Muskeltonus → steigt stark

Die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse im Zwischenhirn) übernimmt die Steuerung des hormonellen Systems, die Nebenniere beginnt Cortisol zu bilden und das Nebennierenmark schüttet die Stresshormone Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin aus, was zur Folge hat, dass sich das innere Gleichgewicht des Pferdes in erhöhte Alarmbereitschaft umstellt.

Sobald das Pferd der gefährlichen Situation z. B. durch Flucht entkommen ist, normalisiert sich der hormonelle Ausnahmezustand relativ schnell und das seelische Gleichgewicht wird wiederhergestellt.

Dieses Stresssystem funktioniert allerdings nur, wenn es sich um kurzfristigen Stress handelt. Dauerstress kann chronische Folgen haben und entsteht, wenn es einem Pferd unmöglich ist, sich durch sein eigenes Verhalten gegen die Stresssituation zur Wehr setzen. Die ursprünglichen, natürlichen Lösungsstrategien greifen nicht mehr und das Pferd ist dem Stressor hilflos ausgeliefert. Diese Situation kann im Extremfall dazu führen, dass der natürliche Stoffwechsel komplett entgleist.

Sicherheit für dich und dein Pferd

Während des Jahreswechsels hat es sich bewährt die Pferde, als Herde in ihrer gewohnten Umgebung zu lassen. Die Herde bietet Sicherheit. Falls dein Pferd in einem Offenstall gehalten wird, ist dies meistens ideal, denn dort können Pferde ihren Fluchtdrang ausleben und in einem gut gesicherten Auslauf ihre ansteigenden Stresshormone durch Bewegung besser abbauen.

Entscheide bitte eigenverantwortlich, ob du mit deiner inneren Ruhe für dein Pferd in dieser Ausnahmesituation ein sicherer Anker sein kannst oder vielleicht doch eher eine weitere Quelle der Nervosität bist. Vergiss nicht, dein Pferd spürt deine Emotionen. 

Wir alle wissen, wie hochgradig sensitiv Pferde auf ihre Umwelt reagieren. Ihre gut entwickelten Spiegelneuronen versetzen unsere Pferde in die Lage auf Reize besonders feinfühlig zu achten und entsprechend ihren Erfahrungen zu reagieren. Je sorgenvoller du selbst an Silvester denkst, desto unsicherer wird dein Pferd.

Du selbst kannst also durch eine positive und herzoffene Ausstrahlung die Selbstsicherheit deines Pferdes unterstützen und fördern.

dein Pferd in Stresssituationen unterstützen

Bewegung ist natürlich immer die beste Möglichkeit, um Stress abzubauen, doch ist dies nicht immer in jedem Stall und vor allem auch in Betracht der diesjährigen Umstände realisierbar. Viele von uns müssen zeitliche Einschränkungen beim Besuch unserer Pferde hinnehmen, und oft sind zum Jahreswechsel die Auslaufflächen vereist und rutschig. Durch kopfloses Rennen kann die Sicherheit der gesamten Herde auf dem Spiel stehen z. B., wenn durch panischen Fluchtinstinkt ein Zaun durchbrochen wird.

Adaptogene Präparate, beispielsweise bestimmte Kräuter oder Pilze, können den Parasympathikus „nähren“, sodass herausfordernde Situationen auf körperlicher und seelischer Ebene besser verarbeitet werden können.

  • Baldrianwurzel: enthält beruhigende Valeriansäure, konzentrationssteigernd

  • Hopfenblüten: beruhigend, angstlösend, verdauungsfördernd

  • Melissenblätter: Stärkung von Herz und Kreislauf, entspannend, krampflindernd

  • Withaniawurzel: angstlösend, anti-depressiv, erhöht Resilienz

  • Gotu Kola: bei Postraumatischen Belastungsstörungen

  • Taigawurzel: stärkt die Psyche, bei Nervenschäden, vitalisierend

  • Helmkraut: indianisches Pendant zu Baldrian

  • Schisandrafrüchte: sedierend, angstlösend, anti-depressiv, kardio- und hepatoprotektiv, steigert die Leistungsfähigkeit

  • Vitalpilz Cordyceps: neuroprotektiv, moduliert den Blutdruck, unterstützt die Niere als Wurzel des Lebens (aus der Traditionellen Chinesischen Medizin) wirkt auf die Nebenniere und hilft Stresssituationen zu verarbeiten

  • Vitalpilz Reishi: reduziert die körpereigene Histaminausschüttung und verbessert die Sauerstoffsättigung, das Pulver wirkt eher entspannend, der Extrakt anregend.

Sollte man alle Präparate auf einmal geben?

In meinen Augen: nein. Lieber einige wenige Kräuter, vielleicht ergänzend zu einem Vitalpilz, um so individuell wie möglich zu helfen.

Wir haben zwei fiktive Beispiele für dich entwickelt, um das Zusammenspiel der verschiedenen Wirkstoffe anschaulich zu erklären. Sicherlich hast du mit einem Vertreter unserer „Beispielpferde“ schon einmal Bekanntschaft gemacht.

Vollblut-Stute „Klara“ steht hoch im Blut und ist auch sonst eher unsicher, extrovertiert und hat eine geringe Impulskontrolle. Laufen hilft. Schnelles Laufen hilft noch viel mehr. Panisch galoppiert sie bei den ersten Feuerwerksknallern über den Paddock, ihre Augen sind voller Angst. An Fressen ist nicht zu denken, sie möchte weg und ständig äpfelt sie oder setzt Kotwasser ab. Auch sonst neigt sie zu Durchfall und Koliken, sodass uns bewusst wird wie sehr ihr Stress auf den Magen schlägt …

Hier könnte nun folgende Kombination hilfreich sein: Baldrian wäre das Basis-Therapeutikum, denn dadurch kann „Klara“ sich besser konzentrieren und die Reizüberflutung durch Lichtblitze, laute Geräusche und der beißende Geruch nach Rauch kann besser sortiert werden. Baldrian benötigt für ein optimales Ergebnis eine gewisse Anflutzeit und darum sollte bereits 10–14 Tage vor Silvester mit der Gabe begonnen werden. Der zentralnervöse Effekt beruht auf der Tatsache, dass der Wirkstoffkomplex in der Baldrianwurzel die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit verbessern kann. Das seelische Gleichgewicht kann über die Regulation des Zentralen Nervensystems in Balance finden.

Hopfen unterstützt sowohl Verdauungsapparat als auch Nervenkostüm, sodass trotz allem Stress die Darmperistaltik angeregt wird. In der Volksheilkunde werden Hopfendolden durch ihre beruhigende und schlaffördernde Wirkung geschätzt, da die körpereigenen Melatonin-Rezeptoren aktiviert werden.

Wenn die Angst vor der Angst groß ist, dann könnte Gotu Kola als ayurvedische Komponente hilfreich sein. Denn vielleicht erinnert sich Klara, wie furchtbar das letzte Jahr war. Wie gruselig es war, als diese furchtbaren Lichter über ihren Kopf explodierten und wie ängstlich alle in ihrer Umgebung waren.

Da unsere hübsche Stute auch als „Prinzessin auf der Erbse“ gilt, die zu nervösen Übersprungreaktionen neigt und durch Symptome wie Husten oder Jucken ihren Stress abbaut, kann sie von der zart duftenden Melisse profitieren. Die Melisse ist eine klassische Heilpflanze um nervöse Anspannung und deren Folgen zu lindern. Gleichzeitig können die durch den Silvesterstress verursachten Begleiterscheinung wie Krämpfe im Verdauungsapparat oder Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten gemildert werden.

Versuchen wir uns doch in die Lage von Haflinger-Wallach „Moritz“ zu versetzen. Eigentlich ist er immer souverän, schließlich hat er schon einige Jahre hinter sich und so leicht kann ihn nichts erschüttern – zumindest tut er so. Gerne liebt er Kuscheleinheiten mit seinem Frauchen und ist für jeden Spaß zu haben, doch dann ist da dieser eine Tag im Jahr, an dem alles anders ist. Normalerweise genügt es ihm, wenn er sich alles anschauen kann und er seine Erregung durch ein paar kleine Hüpfer abreagieren kann. An Silvester muss er jedoch in seiner Box bleiben und erlebt diese Nacht starr vor Angst. Wie können wir ihm helfen?

Wieder wäre der Baldrian denkbar, doch auch Helmkraut kann Moritz das Gefühl vermitteln, dass alles doch gar nicht so schlimm ist und es gar nicht nötig ist, sich die schöne Portion Heu vermiesen zu lassen. Schließlich profitieren auch die Jungspunde in den Nachbarboxen von seiner ruhigen Ausstrahlung als Fels in der Brandung …

Helmkraut gilt als „europäischer Baldrian“ und wird naturheilkundlich bei Nervosität, Schlafstörungen und Ängsten eingesetzt. Darüber hinaus kann die Nierenfunktion angeregt, Fieber gesenkt und hormonell bedingte Verspannungen gelindert werden.

Abends könnte Moritz noch einige Schisandrafrüchte bekommen. Diese sind nicht nur lecker und daher auch gut für anspruchsvolle Pferde geeignet, ihre Wirkstoffe werden auch relativ schnell in den Blutkreislauf aufgenommen. In der Traditionellen chinesischen Medizin gelten Schisandrafrüchte als echtes „Superfood“ um Herz, Kreislauf, Leber und die Denkleistung zu unterstützen.

Vielleicht ist dein Pferd auch eine Mischform aus diesen beiden Typen? Dann kannst du die Kräuter gerne mischen.

Unser wichtigster Tipp für Silvester: Bitte bring dich nicht in Gefahr!

Dies meinen wir sehr, sehr ernst. Ist dein Pferd in einem Ausnahmezustand, reagiert es nicht so achtsam wie gewohnt. Wenn dein Pferd plötzlich losstürmt, mit den Hinterhufen ausschlägt, kann dies tödlich für dich enden und daher sei bitte zu jeder Zeit auf deine eigene Sicherheit bedacht.

Wir freuen uns immer von dir zu hören! Vielleicht magst du berichten, wie es dir und deinem Pferd in diesem Jahr an Silvester ergangen ist und mit welchen Kräutern du die besten Erfahrungen gemacht hast.

Deine

Vicky Hollerbaum

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